Prof. Dr. Joachim L. Schultze

Prof. Dr. Joachim L. Schultze studierte von 1984 – 1991 Humanmedizin an der Universität Tübingen. Nach ärztlicher Tätigkeit an der Universität Freiburg wechselte er 1993 an die Harvard Medical School, an das Dana-Farber Cancer Institute. Dort erfuhr er eine umfassende immunologische Ausbildung und entwickelte eine sehr erfolgreiche wissenschaftliche Karriere mit mehreren Preisen. Mit Hilfe des Sofja-Kovalevskaja-Preises konnte er 2002 auf eine Professur für Tumorimmunologie an der Universität Köln rekrutiert werden. Seit 2007 ist er Professor für Genomik und Immunregulation am LIMES-Institut der Universität Bonn und seit 2015 der Gründungsdirektor der Plattform für Einzelzellgenomik und Epigenomik am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen und der Universität Bonn. Sein wissenschaftlicher Fokus ist an den Grenzflächen zwischen den Lebenswissenschaften, den Computerwissenschaften und der Genomik angesiedelt. Hier beschäftigt er sich mit Fragen des Einsatzes von Machine Learning Methoden, KI und neuen Computer-Architekturen, wie dem Memory-Driven Computing, um wichtige Fragen der Lebenswissenschaften zu beantworten: Wie viele Zelltypen besitzen wir? Können wir mittels KI bessere Diagnosen stellen? Verstehen wir natürliche Intelligenz, wenn wir alle Zellen des Gehirns vermessen können? Kann KI uns dabei helfen, bessere Vorhersagen für Erkrankungen zu machen? Welchen Einfluss haben diese Entwicklungen auf unser Selbstverständnis als Individuen? Professor Schultze hat mehr als 230 wissenschaftliche Publikationen in den Lebenswissenschaften aufzuweisen, er ist ein international gefragter Redner bei wissenschaftlichen Kongressen und Mitglied zahlreicher großer Verbundprojekte auf nationaler und europäischer Ebene. Als überzeugter Europäer engagiert er sich beim Aufbau des Centers of Excellence for Systems Immunology in Cluj, Rumänien.


Quo vadis: Künstliche Intelligenz in Medizin und Lebenswissenschaften

Kaum ein Ort, ein Prozess oder eine Fragestellung, für die im Augenblick nicht Künstliche Intelligenz (KI) als Allzweckwaffe für Verbesserungen ins Feld geführt wird. Wie steht es da mit KI in der Medizin und den Lebenswissenschaften? Ohne Anspruch auf Vollständigkeit können wir schon heute Bereiche erkennen, in denen die Anwendung von KI zu einem besseren Verständnis biologischer Prozesse, von komplexen Systemen wie dem Immunsystem und dem Nervensystem, oder von Krankheiten und deren Diagnostik führt. Ohne KI sind internationale Forschungsprojekte, wie der Human Cell Atlas oder das europäische Projekt LifeTime zur vollständigen Kartierung aller menschlichen Zellen, nicht durchführbar. Erstmalig werden wir in der Lage sein, alle Zelltypen und deren Funktionalität im gesunden wie im erkrankten Zustand zu kartieren und zu verstehen, aber nur mit dem Einsatz von KI. Die Diagnostik wird durch KI Verfahren der Mustererkennung völlig verändert werden. Das bezieht medizinische Fächer wie Radiologie genauso ein wie die Pathologie, die Mikrobiologie oder die Virologie. Erste Beispiele zeigen auf, welche Rolle KI und welche Rolle Mediziner bei der Diagnose-Findung in Zukunft haben könnten. Letztendlich wird KI auch dazu beitragen, das Leben selbst besser zu verstehen. Die Komplexität aller Systeme einer Zelle, eines Organs, eines Organismus, eines Individuums oder einer Population von Individuen wird nur mit Hilfe von KI umfassend beschreibbar und damit begreifbar werden.