Wie entscheiden in der VUKA-Welt?

Künstliche Intelligenz zwischen Umsetzbarkeit und Superintelligenz, Planbarkeit und Zukunftsvision.

Noch vor wenigen Jahren beherrschten Themen wie Data Driven Company, Digitalisierung, Cloud & Mobile Computing, Big Data, Smart Services oder Industrie 4.0 die Diskussion rund um Wandel und Innovation, nicht zuletzt auch auf den Petersberger Gesprächen. Inzwischen selbstverständlich geworden, werden sie heute durch eine ständig wachsende Anzahl an Technologien, Anwendungen und Begriffen ersetzt, für die sich der Sammelbegriff "Künstliche Intelligenz" etabliert hat. Mit Bedeutung versehene Text-, Sprach-, Objekt- und Bilderkennung, KI-Bots, Augmented Reality, Cyborgs oder Soft Robotics – was auf den ersten Blick wie eine neue Spielart der Digitalisierung aussieht, markiert in Wahrheit eine historische Diskontinuität, ja eine epochale Disruption. Sie betrifft einmal die Art und Weise, wie Daten gesammelt, analysiert, ausgewertet und in Aktion umgesetzt werden. Zum anderen geht sie weit darüber hinaus. Spätestens mit der Annahme einer Artificial General Intelligence als einer dem Menschen weit überlegenen Superintelligenz, werden immer öfter Fragen laut, wie das künftige Verhältnis von Mensch und Maschine aussehen wird, kann und soll.

Schon heute verfügen intelligente cyber-physische Systeme über kognitive, soziale, ‚mentale’ und inzwischen auch motorische Fähigkeiten, die bis vor kurzem dem Menschen vorbehalten waren. Dazu gehört vor allem unsere Fähigkeit, selbständig zu lernen und das Erlernte im weiteren Training zu verbessern. Auf der KI-Seite erfolgt dieses Lernen als Deep Learning auf der Grundlage neuronaler Netze, zwar vom Menschen initiiert, doch danach autonom, zielgeleitet, ohne Ablenkung und rund um die Uhr - bis das Lernziel erreicht ist. Diese unbeirrbare und strikt ergebnisorientierte Lernfähigkeit der KI ist der eigentliche Treiber und Game Changer des Epochenwandels.

Der Einfluss der künstlichen Intelligenzen und der smarten Roboter wird sich vor allem auf die Wirtschaft und damit auf den Arbeitsmarkt auswirken. Ergänzten und ersetzten Innovationsschübe früher zuerst die Muskelkraft und später die Rechenfähigkeit des Menschen, so ist die KI bereits heute in der Lage, viele Tätigkeiten auch von Wissensarbeitern zu automatisieren. Das bedeutet, den Mitarbeiter entweder zu unterstützen und seine Skills zu erweitern – oder ihn kurzerhand 'intelligent' zu ersetzen.

Während vieles an der KI-Diskussion Zukunftsvision ist, gehört die aktive Beschäftigung mit den bereits vorhandenen oder bald marktreifen Möglichkeiten der KI schon heute zu den wichtigsten Hausaufgaben von Unternehmen. Die entscheidende Frage ist von daher nicht so sehr: „Wen können wir wo durch KI ersetzen?“ Vielmehr: „Wie können wir mit Hilfe von KI noch agiler, innovativer und wettbewerbsfähiger werden? Wie können wir unsere Führungskräfte auf allen Unternehmensebenen noch besser in die Lage versetzen, in einer schwankenden Welt voller Ungewissheit und Komplexität die richtige Entscheidung zu treffen?“ Auf die Ausführungsebene heruntergebrochen: „Welche Prozesse lassen sich durch die Teambildung mit welchem KI-System oder ‚Kollegen Roboter‘ optimieren und im Ergebnis verbessern?“

Sind es heute erst Teilbereiche wie z.B. Controlling, Projekt- und Performance Management oder Human Resources, die von intelligenten Assistenzsystemen unterstützt werden, so können es schon morgen unternehmensstrategische, organisatorische und erfolgskritische Entscheidungen sein, bei denen das KI-System dem Top-Management zur Seite steht. Daten- und Algorithmenbasiert und weit besser als der Mensch in der Lage, die wachsende Vieldeutigkeit, Komplexität und Unberechenbarkeit unserer Welt zu erfassen, zu analysieren und innovative Gestaltungsvorschläge zu entwickeln. Unvoreingenommen, unparteiisch und so gut wie ohne kognitive Verzerrungen, blinde Flecken oder ‚Denkverbote‘ – auch dies eine der Schlüsselerwartungen an die intelligenten Agenten und Assistenzsysteme in den Unternehmen.

Je mächtiger und umfassender die KI in unser Leben eingreift und an Entscheidungsprozessen beteiligt wird, desto dringender stellt sich die Frage, ob alles, was durch KI möglich ist, auch gemacht werden darf. Dürfen wir dem Entwicklungsdrang freien Lauf lassen? Oder brauchen wir Regeln und Prinzipien, die bei den Zielen anfangen und bei den Programmierern und Algorithmen sowie der Qualität der Trainingsdaten nicht aufhören. Wenn ja, welche oder wessen Regeln? Eine Frage, die angesichts der vielen unterschiedlichen Wertesysteme und Interessen in der Welt nicht leicht zu beantworten ist.

Auch in diesem Jahr bieten die Petersberger Gespräche ein Forum, auf dem solche Fragen rund um Künstliche Intelligenz gestellt werden können und das Thema aus allen möglichen Perspektiven beleuchtet wird. Aus der praxisorientierten Sicht des heute schon Machbaren in Sachen KI und Management. Aus der Perspektive der Ethik und gesellschaftlicher Verantwortung. Nicht zuletzt auch aus dem visionären Blickwinkel, d.h. dem Blick über den Tellerrand der eigenen Praxis hinaus, in eine Zukunft, von der wir nur wissen können, dass sie kommt, doch nicht wirklich wie.